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Vermischtes:
Keine Stadt am Arsch der Welt


Eisenhüttenstadt (han). Kaffeeklatsch über Wendejahre und ihre Folgen für eine ganze Region und insbesondere eine Stadt. Ausgangspunkt der Geschichte eine Sonder-Fotoausstellung mit dem Titel: „Das Weite suchen. Fotografien der späten DDR und frühen 1990er-Jahre“. Diese läuft übrigens schon seit dem 28. Juni und ist noch bis zum 4. Oktober 2026 im Museum Utopie und Alltag in Eisenhüttenstadt zu sehen. Das aber nur so ganz nebenbei, wie auch die folgenden Termine, die einen Besuch im Haus in der Erich-Weinert-Allee 3 interessant machen. „Das Weite suchen“ heißt es in unterschiedlichen Formen auch in den nächsten Wochen, so zum Beispiel am 6. September mit Vorträgen und Gesprächen, am 20. September mit einem Lichtbildervortrag und am 4. Oktober mit der Vernissage zur Ausstellung und einem geführten Rundgang durchs Museum und natürlich die Sonderausstellung. Alle Termine sind unter https://www.utopieundalltag.de/kalender abrufbar.

Am vergangenen Sonntag ging es nun bei Kaffeeklatsch um genau die frühen 1990er Jahre in Eisenhüttenstadt und in lockerer Atmosphäre wurden bei Kaffee und Kuchen Erinnerungen ausgetauscht. Bernd Pagel als gelernter Betriebselektriker im Braunkohlenkombinat Sedlitz und freiwillig Dienender bei der Bereitschaftspolizei war 1960 in Stalinstadt geblieben und wurde Betriebselektriker im Roheisenwerk. Er erinnert sich an Brigadeabende und Kulturpläne und wurde schließlich FDGB-Funktionär und damit als Vertrauensmann selbst Verantwortlich für diesen Bereich. Turbulent wurde es in Wendezeiten und genau bei diesem Kaffeeklatsch bringt er seine ureigensten Erlebnisse in die Runde und damit ein Stück Eisenhüttenstadt-Geschichte ein. Die meist älteren Zuhörer konnten sich sehr gut in die Zeit Anfang der 1990er Jahre versetzen und ergänzten mit den eigenen Erinnerungen. Die von Bernd Pagel sind oft sehr persönlich und stehen doch mit den großen Entwicklungen dieser Zeit rund um EKO-Stahl und mit viel Verantwortung in seiner Funktion als führender Gewerkschafter im Zusammenhang.
1990 arbeiteten ca. 12.500 Leute bei EKO-Stahl, nach Privatisierungen über Cockerill-Sambre und andere schlussendlich 1995 noch rund 2.500. Bernd Pagel wurde einer der führenden Gewerkschaftsfunktionäre der IG Metall bei EKO-Stahl und hatte maßgeblichen Anteil daran, dass es das Werk, heute als Arcelor-Mittal noch immer gibt und die Stahlproduktion nach wie vor läuft. Er erinnerte unter anderem an die zahlreichen Arbeitskämpfe zum Erhalt des Stahlstandortes und an die Versuche der westdeutschen Stahlindustrie diesen mit den Worten: „EKO-Stahl ist überflüssig, wie ein Kropf“, platt zu machen. Allein das zeigt die Dramatik und die Turbulenzen der Nachwendejahre, auf die auch die Ausstellung reflektiert. Ein Leben im Umbruch in allen Facetten, aber auch mit dem Willen aus all diesen Erlebnissen Positives herauszuholen. Hier erinnert sich Bernd Pagel an die große Schülerdemo am 29. Oktober 1992 bei der nur noch die Straße nach Diehlo passierbar war, bei der es nicht nur um die Zukunft des Werkes sondern der gesamten Stadt und damit seiner Jugend ging. Ergebnis dieser Aktionen war die „EKO-Hymne“ mit den Worten: „Keine Stadt am Arsch der Welt…“
Eisenhüttenstadt sollte leben und tut das heute noch. Nicht nur das 35. Stadtfest am letzten August-Wochenende, die 40. Jährige Städtepartnerschaft mit Saarlouis und nach wie vor die Verbindung von Werk und Stadt lassen heute beim Blick auf die Bilder der Geschehnisse aus der ersten Hälfte der 1990er Jahre diese vielleicht entsprechend der individuellen Schicksale in einem anderen Licht erscheinen.
Mehr Erinnerungskultur gibt es übrigens auch am 16. August, um 11.00 Uhr beim Rundgang durch das Kunstarchiv in Beeskow, in dem einmalige Ausstellungsstücke aus zahlreichen Einrichtungen, Institutionen und Betrieben zu sehen sind.

Fotos: han

1 - Luden ein zum Kaffeeklatsch: Kurator Axel Drieschner, Bernd Pagel und Leiterin Christine Gerbich. Bernd Pagel erinnerte an aufregende Zeiten bis zur Privatisierung von EKO-Stahl.

2 - Zeitgschichte in Porträts: Bernd Pagel als Gewerkschaftsfunktionär während der Arbeitskämpfe bei EKO Stahl in der ersten Hälfte der 1990er Jahre.

Eingetragen am 10.08.2026 um 18:11 Uhr.
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